„Gehen Sie, wohin Sie wollen, aber in Bayern werden Sie keine Arbeit finden.“ Mit diesem Satz wurden evangelische Theologinnen noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von kirchlichen Verantwortlichen verabschiedet. Andere mussten sich erklären lassen, es widerspreche der „schöpfungsmäßigen Ordnung“, wenn eine Frau eine Kanzel besteige. Der Weg ins Pfarramt war für viele Frauen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern lange geprägt von Widerständen und Kränkungen.
An dieses Ringen erinnerte das Dekanat Bamberg am Wochenende vom 14. und 15. März mit einem Festprogramm zum 50-jährigen Jubiläum der Frauenordination. Den Auftakt bildete ein Frauenmahl, zu dem predigende Frauen eingeladen waren, die im Dekanat Bamberg tätig sind oder waren. Am Sonntag folgten ein Festgottesdienst in der Stephanskirche und eine Lesung der Wiener Baptistenpastorin Mira Ungewitter aus ihrem Buch Gott ist Feministin.
Ein langer Weg zur Frauenordination
Bayern feiert 50 Jahre Frauenordination, genauer gesagt: erst 50 Jahre. Denn die bayerische Landeskirche war eine der letzten, die Frauen zum Pfarramt zuließ.
Bereits 1919 studierte erstmals eine Frau Theologie an der Universität Erlangen, ohne zu wissen, ob sie überhaupt zum Examen zugelassen würde. Zwei Jahre später durften Frauen das erste Examen ablegen, später auch das zweite, das Vikariat blieb ihnen zunächst verwehrt. In den folgenden Jahrzehnten arbeiteten Theologinnen als Vikarinnen, jedoch mit starken Einschränkungen: Sie hielten Bibelstunden, unterrichteten Religion oder übernahmen Seelsorge für Frauen und Kinder. Das Gemeindepfarramt blieb ihnen verschlossen, ihre Bezahlung lag deutlich unter der der männlichen Kollegen, und mit der Heirat verloren sie sogar ihre Rechte im kirchlichen Dienst.
Erst 1975 beschloss die bayerische Synode das Gesetz zur Berufung der Theologin zum Dienst des Pfarrers. Am 4. April 1976 wurden mit Liesel Bruckner und Käthe Rohleder die ersten Frauen in Bayern ordiniert, nach jahrzehntelangem Dienst in ihrer Kirche.
Als die Präsidinnen der Dekanatssynode, Iris Hermann und Landessynodale Pia Loch zu Beginn des Festgottesdienstes aus dieser Geschichte vorlesen, ist es still im Raum. Unter den Besucherinnen sitzen auch Frauen der ersten Pfarrerinnengeneration, neben zahlreichen Vertreterinnen späterer Generationen.
Erfahrungen aus drei Generationen
Viele von ihnen hatten sich bereits am Vorabend beim „Frauenmahl“ im Stephanshof getroffen. Eingeladen hatte ein Team um Dekanin Sabine Hirschmann, jedoch nicht nur Pfarrerinnen, sondern alle, die „auf die Kanzel steigen“ und im Dekanat tätig sind oder waren: Diakoninnen, Religionspädagoginnen mit Predigtauftrag, Prädikantinnen, Lektorinnen, Vikarinnen und mehr.
Drei Generationen von Pfarrerinnen erzählen an diesem Abend von ihren Erfahrungen. Eine Vertreterin der jüngeren Generation zitiert einen Satz, der heute häufiger fällt: Es gebe „so viele“ Frauen im Pfarramt! Ein Satz, in dem ein unausgesprochenes „zu viele“ mitschwingt. Eine Pfarrerin im Ruhestand berichtet, dass zu Beginn ihres Weges noch nicht klar war, ob sie überhaupt Pfarrerin werden könne, weil sie einen katholischen Mann liebte. Eine Kollegin erinnert sich daran, wie sie der Rektor des Predigerseminars plötzlich lieber als zukünftige Pfarrfrau gesehen hätte, als sie während des Vikariats ihr erstes Kind erwartete. Hier wird auch eine Gemeinsamkeit vieler Erfahrungen deutlich: Berufliche Diskriminierung beginnt häufig dort, wo familiäre Sorgearbeit ins Spiel kommt. Das betrifft nicht nur Pfarrerinnen, sondern auch Pfarrer, die neben dem Dienst auch familiäre Verantwortung übernehmen wollen.
Gleichzeitig überwiegt an diesem Abend die Dankbarkeit, nämlich gegenüber den Frauen, die den Weg ins Pfarramt für nachfolgende Generationen überhaupt erst möglich gemacht haben. „Ich gehöre zu einer glücklichen Pfarrerinnengeneration“, sagt Regionalbischöfin Berthild Sachs, die als ehemalige Vikarin der Bamberger Stephanskirche zum Frauenmahl gekommen ist.
„Wir haben gemeutert und gekämpft“
Diese Dankbarkeit steht auch im Mittelpunkt der Predigt von Sabine Hirschmann am darauffolgenden Sonntag. Sie erinnert daran, wie sehr die Frauenordination das Gesicht der evangelischen Kirche geprägt hat. Als sie selbst fünf Jahre alt war, wurde in Bayern das Gesetz zur Frauenordination beschlossen. Den Unterschied zwischen evangelisch und katholisch erklärte die heranwachsende Sabine bald so: „Wir Evangelische haben Pfarrerinnen und die Katholiken den Papst.“
Doch selbstverständlich war das ja keineswegs. „Wir haben gemeutert und gekämpft“, zitiert Hirschmann eine der Pfarrerinnen der ersten Generation, Marianne Pflüger. Frauen hätten theologisch argumentiert, Bibelstellen neu gelesen und sich gegen kirchliche Widerstände behauptet. Sie verwiesen etwa auf den paulinischen Satz aus dem Galaterbrief: „Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle eins in Christus.“ Auch die Rolle von Frauen im Neuen Testament wurde neu entdeckt: Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung, oder Phoebe, Priska und Junia, die in den frühen Gemeinden Verantwortung trugen. Die Frage der Frauenordination, so machten die Theologinnen deutlich, ist nicht nur eine kirchenpolitische, sondern auch eine theologische.
Diese Perspektive greift auch die Lesung von Mira Ungewitter im Anschluss an den Gottesdienst auf. In ihrem Buch Gott ist Feministin erinnert sie daran, dass die Bibel vielfältige Gottesbilder kennt, auch mütterliche und weibliche. Dass der Titel ihres Buches erklärungsbedürftig erscheint, zeigt zugleich, wie sensibel das Thema weiterhin ist. „Gott ist Feministin“ provoziert Widerspruch und erzeugt Rechtfertigungsdruck, obwohl Feminismus im Kern nichts anderes bedeutet als den Einsatz für Gleichberechtigung aller Menschen und die Abschaffung jener Strukturen, die dem im Weg stehen. Von solchen Strukturen weiß die Autorin aus eigener Erfahrung zu berichten. In der baptistischen Kirche in Österreich gibt es bis heute keinen bundesweiten Beschluss zur Frauenordination, weshalb Pastorin Ungewitter nur in ihrer Gemeinde predigen darf und nirgendwo sonst.
Frauenanteil in Leitungsämtern: Luft nach oben
Ein Blick auf die Leitungsstrukturen der bayerischen Landeskirche zeigt, dass Gleichberechtigung jedoch auch hier weiterhin Thema ist. Beim Frauenmahl berichtet Regionalbischöfin Berthild Sachs, dass zwei Regionalbischöfinnen bald in den Ruhestand gehen und aufgrund von Strukturreformen nur eine Stelle neu ausgeschrieben werden wird. Selbst wenn diese hoffentlich wieder mit einer Frau besetzt wird, wird die Zahl weiblicher Stimmen im Landeskirchenrat dadurch zunächst sinken. Die Initiative „Church goes pink“ hat im vergangenen Jahr auf diese Entwicklung aufmerksam gemacht. Zwar ist der theologische Nachwuchs mittlerweile zu rund 80 Prozent weiblich, doch nur etwa 30 Prozent der Dekansstellen sind mit Frauen besetzt. Im Landeskirchenrat sind derzeit vier von elf Mitgliedern weiblich. Die Landessynode beschloss im vergangenen Jahr deshalb eine Quote: 40 bis 60 Prozent der Leitungsämter sollen künftig mit Frauen besetzt sein.
50 Jahre Frauenordination: eine Bilanz
Fünfzig Jahre Frauenordination sind Anlass zu Freude und Dankbarkeit. „Wir machen den Unterschied“, sagt Sabine Hirschmann in ihrer Predigt. Tatsächlich ist die Präsenz von Pfarrerinnen heute eines der sichtbarsten Merkmale evangelischer Kirche.
In den Gesprächen während der Veranstaltungen zeigt sich, dass das Jubiläum auch weiterführende Fragen aufwirft: Hat sich mit der Frauenordination auch die Struktur des Pfarrberufs verändert, die ursprünglich für Männer früherer Generationen entworfen wurde? Lange war das evangelische Pfarrbild geprägt vom Modell des männlichen Pfarrers mit einer nicht oder kaum erwerbstätigen Pfarrfrau, die einen großen Teil der Sorgearbeit übernahm und sich zugleich stark in der Gemeinde engagierte. Dieses Modell wirkt strukturell bis heute nach. Inzwischen leben viele Pfarrerinnen und Pfarrer in Partnerschaften, in denen Care-Arbeit und Erwerbstätigkeit gleichberechtigt geteilt werden sollen. Hier stößt die Realität des Pfarrberufs an Grenzen: Die kirchliche Ordnung geht im Durchschnitt von einer Arbeitszeit von rund 48 Stunden pro Woche und einer Sechs-Tage-Woche aus, Abendtermine, Wochenend- und Feiertagsarbeit eingeschlossen. Für manche junge Pfarrfamilie stellt sich daher weiterhin die Frage, wie sich Sorge- und Erwerbsarbeit unter solchen Bedingungen gerecht verteilen lassen.
Damit wird deutlich: Die Diskussion um die Gleichberechtigung der Geschlechter im Pfarrberuf hat sich verändert. Sie ist längst kein reines „Frauenthema“ mehr, sondern berührt die Gegenwart und Zukunft des Pfarrberufs insgesamt.
Die Geschichte weiterschreiben
Auch 50 Jahre nach Beginn der Frauenordination bleibt also viel zu tun. Sabine Hirschmann warnt in ihrer Predigt deshalb davor, die Errungenschaften der Gleichberechtigung für selbstverständlich zu halten. In gesellschaftlichen und politischen Debatten tauchten wieder Vorstellungen von Frauenrollen auf, von denen man glaubte, sie längst überwunden zu haben. Es brauche uns daher alle, um die Geschichte in guter Weise weiterzuschreiben.
Das Jubiläum ist daher nicht nur Anlass zum Rückblick, sondern auch Auftrag für die Zukunft. Wenn Kirche ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will, muss sie weiter an Geschlechtergerechtigkeit arbeiten: in Leitungsämtern, in Arbeitsstrukturen und im Miteinander der Berufsgruppen. Ein starkes Zeichen wäre es, wenn Kirche der Gesellschaft in diesen Fragen als Vorbild vorausginge. Denn die Geschichte der Frauenordination zeigt, Veränderungen beginnen damit, dass Menschen den Mut haben zu sagen: Es muss anders werden.
