Viele Menschen stehen vor einer großen Holztür im Freien
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„Warum ist dieser wundervolle Beruf eigentlich so wenig bekannt?“ Christine Jünger, Leiterin des Schulreferats im Dekanat Bamberg und Religionspädagogin, stellt sich diese Frage nicht zum ersten Mal. Sie stand schon auf Berufsmessen, hat Infostände betreut, jungen Leuten erklärt, was Religionspädagoginnen und Religionspädagogen eigentlich tun. Was ein Pfarrer macht, weiß fast jeder. Was eine Religionslehrkraft unterrichtet, auch. Die Berufsbezeichnung der Religionspädagoginnen und Religionspädagogen hingegen ist vielen fremd.

Dabei gibt es diesen Beruf in Bayern nun schon 50 Jahre lang, seitdem im Jahr 1972 in Neuendettelsau der Studiengang eröffnet wurde und 1976 die ersten Religionspädagog:innen in den Vorbereitungsdienst kamen. Mittlerweile studiert man Religionspädagogik in Nürnberg, wo im Herbst unter dem Motto „Wir.bilden.mehr.als.Kirche“ groß gefeiert wird. In Bamberg wurde bereits jetzt darauf angestoßen, allerdings im kleinen Kreis. 

Treffen der Generationen im Stephanshof

Religionspädagog:innen aus fünf Dienstjahrzehnten sind der Einladung des Schulreferats, des Dekanats und des Bamberger Arbeitskreises für Religionspädagogik zum internen Festakt gefolgt. Im Stephanshof wird gemeinsam gegessen, gesungen, erzählt und Gottesdienst gefeiert. Das intime Format passt zu einem Beruf, der selten laut auftritt und doch im Leben vieler Menschen eine große Wirkung hat. So wird es auch in den Erzählungen, die an diesem Nachmittag im Zentrum stehen, deutlich: Immer wieder steht am Anfang der Berufsentscheidung eine Begegnung mit einer Religionspädagogin oder einem Religionspädagogen, die großen Eindruck hinterlassen hat.

Schulreferentin Christine Jünger hält eine Rede an einem Stehpult
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Leiterin des Schulreferates Christine Jünger

Schulreferentin Jünger: Bildung, Bewegung, Begegnung, Begeisterung

Christine Jünger fasst in ihrer Begrüßungsrede das Wesen der Religionspädagogik in vier Begriffen zusammen: Bildung, Bewegung, Begegnung, Begeisterung. „Bildung bedeutet bei euch mehr als Wissensvermittlung. Religionspädagoginnen und Religionspädagogen eröffnen Horizonte, stärken Urteilskraft, begleiten junge Menschen auf dem Weg zu einem eigenen Standpunkt.“ Die Religionspädagogik sei in diesen fünf Jahrzehnten dabei stets in Bewegung gewesen, habe gesellschaftliche Veränderungen begleitet und mitgeprägt. „Das Herzstück des Berufs jedoch ist die Begegnung“, so Jünger. In der Begegnung öffneten Religionspädagog:innen Räume, in denen Menschen mit ihren Fragen vorkommen dürfen. Dabei sei es die Begeisterung, die all das trage und entfache. 

 

Renate Tallon hält eine Rede an einem Stehpult
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Renate Tallon

Menschen prägen Menschen: Frauen aus 50 Jahren Religionspädagogik erzählen

Begeistert erlebt man an diesem Nachmittag auch Renate Tallon, die zur ersten Generation von Religionspädagoginnen gehört. Am 1. Oktober 1976, so erzählt sie, begann sie ihr Studium in Neuendettelsau, wo sie sich noch gut an den gemeinsamen Campus mit den Theologiestudierenden erinnern kann. Man kannte sich, lernte miteinander, wusste später im Berufsleben um die Stärken der jeweils anderen Berufsgruppe. Dementsprechend groß sei der Protest gewesen, als der Ausbildungsstandort geschlossen wurde. 

Konstruktiven Widerstand geleistet und auch Impulse gesetzt habe sie im Laufe ihres Berufsweges immer wieder, beispielsweise, als sie sich erfolgreich dafür einsetzte, dass es auch in Bamberg einen Arbeitskreis für Religionspädagogik geben solle. Und auch mancher Schulleiter, so berichtet die ehemalige Schulreferentin Tallon, habe sich erst daran gewöhnen müssen, einer jungen Religionspädagogin in leitender Funktion auf Augenhöhe zu begegnen. Vor allem aber erzählt sie von Beziehungen: Ehemalige Schülerinnen wurden später Kolleginnen, der Arbeitskreis wurde für viele zu einem Ort gegenseitiger Ermutigung. Bamberg zeigte, welche Wege dieser Beruf eröffnen kann: von der Fachberatung über die Hochschullehre bis zur Entwicklung religionspädagogischer Konzepte mit Ausstrahlung weit über Franken hinaus. Was Renate Tallon beschreibt, ist Alltag in religionspädagogischen Arbeitsfeldern. Gespräche, Begleitung, der langsame, stetige Aufbau von Beziehung, Strukturen und Verbindlichkeiten ist Arbeit, die oft hinter den Kulissen passiert, aber über Jahrzehnte wirkt.

Sabine Keppner Burkhardt hält eine Rede an einem Stehpult
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Sabine Keppner Burkhardt

Von der Bilderbibel zum Theologisieren

Über die Arbeit im Verborgenen, die große Wirkung zeigt, kann auch Sabine Keppner Burkhardt berichten, die unter anderem als Fachreferentin für die Grundschule im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn Lehrkräfte weiterbildet, Lehrpläne und Schulbücher mitgestaltet. Wie sehr sich der Religionsunterricht verändert hat, zeigt sie anhand der Religionsbücher, mit denen sie selbst aufgewachsen ist. Als evangelisches Kind im katholisch geprägten Hallstadt besucht sie in den 1970er-Jahren nachmittags den Religionsunterricht, vier Jahrgangsstufen gemeinsam im Raum, im Mittelpunkt Bibelgeschichten, Bilder und der strenge Pfarrer, bei dem es noch „auf die Finger gab“. Inhaltlich, so sagt sie, habe sie aus dieser Zeit nicht allzu viel behalten. Der „hermeneutische Religionsunterricht“ setzte auf Bibelkunde und Gesangbuchlieder. Erst in der Oberstufe begeistert sie ein junger Pfarrer mit philosophischen und theologischen Fragestellungen für das Fach. 

Noch intensiver wurde sie später durch Lydia Lang geprägt, die erste Religionspädagogin im Vorbereitungsdienst in Bamberg, die an diesem Nachmittag ebenfalls anwesend ist. In deren Jugendarbeit erlebt Sabine Keppner Burkhardt eine Kirche voller Kreativität und Gemeinschaft. Die Erfahrungen, die sie dort macht, entfachen einen Wunsch in ihr: Religionspädagogin werden, wie Lydia Lang.

An Sabine Keppner Burkhardts eigener Biografie lässt sich zugleich die Entwicklung des Fachs ablesen: vom hermeneutischen über den erfahrungsorientierten Unterricht bis zum „Theologisieren mit Kindern“ oder dem Bewegten Religionsunterricht, dessen Schöpferin Elisabeth Buck im Stephanshof mitfeiert. Kinder sollen heute keine fertigen Antworten übernehmen, sondern eigene Fragen stellen und sprachfähig werden. Dass später mit dem LehrplanPLUS die Kompetenzorientierung Einzug hielt, wurde zunächst kontrovers diskutiert. Am Ende habe sich gezeigt, so Keppner Burkhardt, dass religiöse Kompetenz auch heiße, über Gott, Zweifel, Hoffnung und das Leben nachdenken zu können und darüber mit anderen ins Gespräch zu kommen. 

Die nähere Zukunft des Religionsunterrichts wird nun konfessionell-kooperativ sein, so ist sie sich sicher, auch wenn sie als Fast-Ruheständlerin diesen Prozess nun nicht mehr weiter begleiten wird. Klar ist, dass Religionspädagog:innen und andere Lehrkräfte für diese Art des sensiblen Unterrichtens außergewöhnlich gut ausgebildet werden müssen, so das Urteil aus der Festgemeinde.

Ute Schaller hält sitzend eine Rede
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Ute Schaller

Ein Beruf mit erstaunlicher Weite und strukturellen Herausforderungen

Nicht nur der Religionsunterricht, auch andere Arbeitsfelder der Religionspädagogik befanden sich stets im Wandel. Welche Vielfalt damit einhergeht, macht Ute Schaller deutlich, die aus der Verbandsarbeit im VERK (Verband Evangelischer Religionspädagog:innen und Katechet:innen) berichtet. Religionspädagoginnen und Religionspädagogen arbeiten nicht nur im Klassenzimmer. Sie gestalten auch Kinder- und Jugendarbeit, Gottesdienste, Bildungswerke, Schulreferate, Seelsorge, Fortbildungen und mehr.

Der Verband hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur in Hinblick auf das Berufsbild einiges erreicht. Dass Religionspädagog:innen heute nach allgemein üblichen Kriterien verbeamtet und für ihren Dienst eingesegnet werden oder bei der Wortverkündigung einen speziellen Talar tragen dürfen, ist ebenso erkämpft worden wie die Möglichkeit, dass Katechet:innen auch überhälftig beschäftigt werden dürfen. Schaller verschweigt dabei nicht, dass Fragen offenbleiben. Unterschiede bei Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten zwischen den Arbeitsfeldern beschäftigen den Verband ebenso wie die Forderung nach gleicher Bezahlung für gleiche Tätigkeit bei berufsgruppenübergreifend ausgeschriebenen Stellen. Denn in Zukunft werden solche Stellen einen großen Anteil der hauptamtlichen Arbeit in Kirche ausmachen.

Isabella Stärk hält sitzend eine Rede
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Isabella Stärk

Zukunft zwischen Aufbruch und Ungewissheit

Die Perspektive jener Zukunft bringt Isabella Stärk in diesen Nachmittag ein: Am Tag nach dem Festakt wird sie gemeinsam mit sechs anderen Religionspädagog:innen in ihren Dienst eingesegnet werden. Als sie diese kleine Zahl nennt, geht ein entsetztes Raunen durch den Saal. Stärk reagiert zuversichtlich: Es gebe zwar wenig Nachwuchs, „aber es gibt ihn!“ 

Dennoch stellen die niedrigen Studierendenzahlen die Hochschulen vor große Herausforderungen. Um den Studiengang weiterhin anbieten zu können, muss dieser reformiert werden. Denkbar sei dabei beispielsweise eine Zusammenlegung der Studiengänge Religionspädagogik und Diakonik. Wichtig sei, dass in Bayern weiterhin Religionspädagog:innen gut ausgebildet werden können. Isabella Stärk spricht über ihren Beruf mit einer Begeisterung, die im Raum spürbar ist. Der Beruf müsse sichtbarer werden, sagt sie. 

 

Sabine Hirschmann hält einen Blumenstrauß
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Dekanin Hirschmann feiert Agape-Mahl

Dekanin Hirschmann: „Schule ist schön“

Wie Isabella Stärk wurde auch Dekanin Sabine Hirschmann, die zur Feier des Agape-Mahls und zur Segnung gekommen war, von Religionspädagog:innen geprägt. Sie erinnert sich an ihre Zeit als Vikarin, in der sie von einer Religionspädagogin im Unterrichten ausgebildet wurde. Die Mentorin schenkte ihr einen kleinen Button mit der Aufschrift: „Schule ist schön.“ Der Satz habe sie nicht mehr losgelassen. Sie habe von der Religionspädagogin gelernt, dass es im Religionsunterricht nicht darum geht, Kindern fertige Antworten zu geben, sondern sie zum Denken zu befähigen, Fragen auszuhalten, Freiheit zu eröffnen, eigenständiges Urteilen einzuüben. Nicht nur Gesellschaft und Demokratie, auch der Kirche komme diese wichtige Bildungsarbeit zugute, wie auch die jüngste Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung nahelegt.

 

 

Hubertus Schaller spielt auf der Duduk
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Hubertus Schaller spielt auf der Duduk

Wohin geht es mit der Berufsgruppe?

Denn Religionspädagoginnen und Religionspädagogen gehören zu den kirchlichen Berufsgruppen mit der größten Reichweite. Rund 300.000 Kinder und Jugendliche besuchen in Bayern den evangelischen Religionsunterricht, hinzu kommen Konfirmand:innenarbeit, Kinder- und Jugendgruppen, Familienangebote und weitere Formen kirchlicher Bildungsarbeit.

Angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen, großer Ruhestandsjahrgänge und tiefgreifender Strukturreformen stellen sich für diesen Beruf dennoch grundlegende Fragen. Wie werden multiprofessionelle Teams künftig zusammenarbeiten, welche Karrieremöglichkeiten bietet der Beruf außerhalb von Schule, welche Priorität erhält Bildungsarbeit in einer Kirche, die um ihre Zukunft ringt? Ein Beruf, der sich über Bildung, Beziehung und Begegnung definiert statt über öffentliche Auftritte, droht in solchen Prozessen leicht aus dem Blick zu geraten, zumal er zu einem großen Teil von Frauen ausgeübt wird, die in hohen kirchlichen Gremien und Verhandlungen seltener am Tisch sitzen. 

Das Jubiläum macht auch auf solche offenen Fragen aufmerksam. Es bleibt zu hoffen, dass in allen berufspolitischen Diskussionen Religionspädagog:innen als der unverzichtbare Schatz wahrgenommen werden, den sie für Kirche und Gesellschaft bedeuten. Nämlich als ausgewiesene Fachleute, die insbesondere junge Menschen mit Leidenschaft und Expertise in Glaubens- und Lebensfragen begleiten und befähigen. Und das meist ohne, dass davon eine große Öffentlichkeit erfährt.

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Am 20. November feiert die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern das Jubiläum „Wir.bilden.mehr.als.Kirche - 50 Jahre Religionspädagogi:nnen im Dienst der ELKB“ in Nürnberg. 

Fakten zu Religionspädagog:innen in Bayern: In 50 Jahren sind rund 1500 Religionspädagog:innen ausgebildet worden. Im Dekanat Bamberg arbeiten Religionspädagog:innen in der Schule, in der Gemeinde, in Leitungsfunktionen und in der Jugendarbeit. Informationen zum Studium der Religionspädagogik gibt es hier: religionspaedagogik-in-bayern.de/studium